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Bewachsene Felsen an Nord- und Ostsee

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Bewachsene Felsen an Nord- und Ostsee

Nach ihrer Entstehungsgeschichte bzw. der Art des Untergrund, unterscheidet man in Deutschland verschiedenen Typen von Fels- und Steilküsten: An der Ostsee kommen Kreidesteilküsten und Moränensteilküsten, an der Nordsee i. W. die Sandsteinfelsküste von Helgoland vor.

Steilküsten an der Ostsee sind gekennzeichnet durch einen meist lockeren Bewuchs von Pionierrasen, Steilhanggebüschen und Hangwäldern, aufgrund der natürlichen Abbruchdynamik treten aber auch zeitweise größere vegetationsfreie Abschnitte auf, die zum Lebensraumtyp gehören. Unter dem direkten Einfluss des Seeganges kommt es bei aktiven Kliffen zu mehr oder weniger regelmäßigen Abbrüchen.

Die Vielfalt an Substraten, unterschiedliche Feuchtestufen, Ausrichtung zur Sonne, Sonneneinstrahlung und die Abbruchsdynamik führen zu einer großen Anzahl von lebensraumtypischen Pflanzengesellschaften und zu mosaikartig angeordneten Teillebensräumen unterschiedlichen Entstehungsalters.

Felsenküsten wären ein charakteristisches Habitat für Meerfenchel-Strandflieder-Gesellschaften: Typische Arten sind beispielsweise Strand-Beifuß (Artemisia maritima), Gewöhnlicher Strandflieder (Limonium vulgare), Strand-Wegerich (Plantago maritima) oder der namensgebende, nur sehr selten auf Helgoland vorkommende Meerfenchel (Crithmum maritimum).

Vegetationsfreie Abbruchkanten und Steilküsten bzw. entsprechende v. a. südexponierte Teilbereiche sind besonders für viele Tierarten sehr bedeutsam und schützenswert. Hautflügler wie Wildbienen und Grabwespen nutzen die offenen Bodenbereiche um ihre Jungen aufzuziehen. Auch Vögel wie die Uferschwalbe legen ihre Brutröhren in den Abbruchkanten an. International bekannt ist der Vogelfelsen der Insel Helgoland, an dem viele seltene Meeresvögel beim Brüten beobachtet werden können.

Das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern schreibt folgendes zur Pflanzenwelt dieses Lebensraumes (in Klammern Natura2000-Lebensraumtyp):
"... An Steilküsten mit aktiver Abbruchdynamik und inaktiven Kliffbereichen sind alle Sukzessionsstadien von unbesiedelten Rohböden über Pionierfluren, Rasengesellschaften, Staudenfluren, Saumgesellschaften, Gebüsch- und Vorwaldstadien bis hin zu Wäldern vertreten und mehr oder weniger kleinflächig miteinander verzahnt. Auf nassen eutrophen Standorten sind kleine Quellmoore mit Quellfluren, z. B. der Bitterschaumkraut-Quellflur, mit Arten wie Bitterem Schaumkraut ( Cardamine amara ), Wechselblättrigem Milzkraut ( Chrysosplenium alternifolium ) oder Riesen-Schachtelhalm ( Equisetum telmateia ) ausgebildet. Unter mesotrophen, nassen, teils kalkreichen Bedingungen können kleinflächige Fragmente nährstoffärmerer Quellmoore, wie z. B. Kleinseggenriede, auftreten. Bisweilen durchziehen Kerbtälchen mit Fließgewässern (3260) die Steilküste. An Austrittstellen von kalkreichem Wasser kommt es zur Bildung von Kalktuffablagerungen (7220). Ebenfalls sehr kleinflächig sind bisweilen Fels- und Mauerspalten-Gesellschaften vertreten. Sand-Pionierrasen (z. T. 6120) befinden sich auf Kliffranddünen sowie an den Abhängen aktiver Sandkliffe, während Mergel- und Kreideabhänge mit artenreichen basiphilen Halbtrockenrasen (6210) bewachsen sein können. Auf den nach Abbrüchen freiliegenden Rohböden finden sich zunächst Pionierrasen und zahlreiche Ruderalgesellschaften ein: Annuellen-Ruderalfluren sind von überwiegend einjährigen Arten wie z. B. Kanadischem Berufkraut ( Conyza canadensis ), Dach-Trespe ( Bromus tectorum ) oder Hoher Rauke ( Sisymbrium altissimum ) geprägt. Ausdauernde Ruderalgesellschaften und Säume frischer bis trockener, stickstoffreicher Standorte mit Arten wie z. B. Huflattich ( Tussilago farfara ), Land-Reitgras ( Calamagrostis epigejos ), Gemeine Quecke ( Elytrigia repens ), Kratzbeere ( Rubus caesius ), Filz-Pestwurz ( Petasites spurius ), Acker-Winde ( Convolvulus arvensis ) oder Vogel-Wicke ( Vicia cracca ) sind häufig auf Kliffen anzutreffen. Auf südexponierten Steilküsten siedeln licht- und wärmebedürftige Saumgesellschaften und Hochstaudenfluren: Unter diesen sind die Südbaltischen Schwalbenwurz-Staudenfluren und Heilwurz-Staudenfluren der Ostseeküste , deren Hauptverbreitungsgebiet in Mecklenburg- Vorpommern liegt, mit Arten wie Weißer Schwalbenwurz ( Vincetoxicum hirundinaria ), Berg- Heilwurz ( Seseli libanotis ), Nickendem Leimkraut ( Silene nutans ) oder Pfirsichblättriger Glockenblume ( Campanula persicifolia ) überwiegend auf den Lebensraum Kliff beschränkt. Typische Vegetationseinheiten an Kliffen sind weiterhin das Weißdorn-Schlehen-Gebüsch und das Sanddorn-Schwarzholunder-Gebüsch mit Schlehe ( Prunus spinosa ), Weißdorn ( Crataegus spec.) bzw. Sanddorn ( Hippophae rhamnoides ). ... "

Verbreitung

An der deutschen Nordseeküste kommen Steilküsten nur auf Helgoland (Sandsteinküste) und auf den nordfriesischen Geestinseln (Sylt, Amrum) vor. An der Ostseeküste ist der Lebensraumtyp als Moränensteilküste weiter verbreitet.

In Mecklenburg-Vorpommern befinden sich Kreide-Steilküsten auf der Insel Rügen (Jasmund (Foto) und Wittow). Die wichtigsten Vorkommen des Lebensraumtyps konzentrieren sich in den Gebieten Klützer Winkel, Wismarbucht, Breitling, Salzhaff, Wustrow, Darß, Rügen (Außen- und Boddenküsten), Hiddensee (Dornbusch), Greifswalder Bodden und Strelasund, Greifswalder Oie, Achterwasser und Kleines Haff.

Natura 2000 Lebensraumtyp

Verbreitung

Dieser Biotoptyp ist ein europaweit besonders geschützter Lebensraum! Natura 2000 - Code: 1230

© Verbreitungskarte. Quelle: BfN/BMUB 2019: Nationaler Bericht Deutschlands nach Art. 17 FFH-Richtlinie; basierend auf Daten der Länder und des Bundes. Datengrundlage: Verbreitungsdaten der Bundesländer und des BfN.


Gefährdung

Steilküsten sind v. a. durch Küstenverbau (Uferschutz, Tetrapoden, Bauwerke oberhalb der Abbruchkante) und durch Eindeichungen gefährdet. Weitere Gefährdungen stellen Freizeitnutzung und intensive landwirtschaftliche Nutzung an Moränensteilküsten bis an die Abbruchkante dar. Durch intensive Freizeitnutzung (Wandern, Klettern am Kliff) kommt es zu Störungen von Brutvögeln und zur Zerstörung von Brutstätten weiterer Arten (z. B. Bienen).

Zum Schutz des Lebensraumtyps gehört die Sicherung einer natürlichen Erosionsdynamik, d. h. weitere Eindeichungen und jeglicher Küstenverbau sollte unterbleiben. Teilbereiche in den FFH-Gebieten sollten ohne Freizeittourismus bleiben. Eine angrenzende landwirtschaftliche Nutzung (v. a. Ackernutzung) sollte einen Schutzstreifen zur Abbruchkante einhalten.

Besonderheiten

Besonders bekannt geworden ist die malerische Kreidesteilküste Rügens (Jasmund) durch den Maler Caspar David Friedrich.

Tagfalter in diesem Lebensraum

Fliegen in diesem Lebensraum

Referenzlisten:

Natura2000: Richtlinie 92/43/EWG des Rates vom 21. Mai 1992 zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen

EUNIS 2021/22: European Nature Information System (EUNIS; deutsch Europäisches Naturinformationssystem). EUNIS marine habitat classification (Updated version March 2022), EUNIS terrestrial classification (Updated 2021)

EuroVegChecklist: Bergmeier E. (2020) & Mucina et al. (2016)

Bergmeier E. (2020): Die Vegetation Deutschlands – eine vergleichende Übersicht der Klassen, Ordnungen und Verbände auf Grundlage der EuroVegChecklist. Tuexenia 40: 19–32.

Mucina L., H. Bültmann, K. Dierßen, J.-P. Theurillat, T. Raus, A. C arni, K. Š umberová, W. Willner, J. Dengler, R. Gavilán García, M. Chytrý, M. Hájek, R. Di Pietro, D. Iakushenko, J. Pallas, F.J.A. Daniëls, E. Bergmeier, A. Santos Guerra, N. Ermakov, M. Valachovic , J.H.J. Schaminée, T. Lysenko, Y.P. Didukh, S. Pignatti, J.S. Rodwell, J. Capelo, H.E. Weber, A. Solomeshch, P. Dimopoulos, C. Aguiar, S.M. Hennekens & L. Tichý (2016): Vegetation of Europe: hierarchical floristic classification system of vascular plant, bryophyte, lichen, and algal communities. Applied Vegetation Science, Vol. 19, Supplement 1: 1-264.

Ellenberg, H. & Leuschner, C. (2010): Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen, 6. Aufl., Stuttgart: 1357 S.

Delarze R., Gonseth Y., Eggenberg S., Vust M. (2015): Lebensräume der Schweiz. Ökologie - Gefährdung - Kennarten. 3. Auflage 2015. 456 Seiten.

Finck, P., Heinze, S., Raths, U., Riecken, U., Ssymank, A. (2017): Rote Liste der gefährdeten Biotoptypen Deutschlands – dritte fortgeschriebene Fassung 2017. Naturschutz und Biologische Vielfalt 156, 460 S.

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Referenzlisten

Bezüge zu anderen Listen:
Ellenberg & Leuschner (2010) 2.11.1.1
Finck et al. (2017) 11.01, 11.02
EUNIS 2021/22 N31, N34
EuroVeg-Checklist 12JB01A
Delarze et al. (2015)
Natura 2000 1230
Häufigkeit sehr selten

Höhenverbreitung


Online: https://www.deutschlands-natur.de/lebensraeume/kuesten-salzvegetation/atlantik-felskuesten-und-ostsee-fels-und-steil-kuesten-mit-vegetation/
Datum: 14.04.2024
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